Donnerstag, 7. Juni 2012

Die letzten Wochen

Bald ist es soweit. In weniger als drei Wochen werde ich Schweden den Rücken kehren. Und da ich in einer Woche aus meiner Wohnung hier raus muss, beschäftige ich mich hauptsächlich mit packen, mit Abschiedsfeiern und allem anderen, was so erledigt werden muss. Es ist schon seltsam, mein Korridor hier ist leer, ich bin mir nicht sicher ob außer mir noch jemand hier ist. Gesehen habe ich niemanden.
Ansonsten hält der Sommer nur teilweise, was er versprochen hat. Es ist kalt und nass; natürlich bin ich krank geworden und habe heute im Bett verbracht. Aber die Tage sind lang, dass kann man nicht bestreiten. Es wird nie richtig dunkel, selbst um ein Uhr morgens ist es dämmrig, und danach wird es schnell wieder hell. Ich glaube, zur Zeit ist zwei Uhr morgens meine Lieblingszeit des Tages; ich habe versucht die Lichtstimmung fotografisch einzufangen, mal sehen ob es mir gelungen ist.




Am Samstag hatten wir unseren letzten Auftritt mit der Band, in der großen goldenen Universitätsaula. Das war doch mal ein angemessenes Ambiente. Zugegeben, in der Hauptsache ging es nicht um uns, sondern um die internationalen Master-Absolventen, die geehrt wurden, aber trotzdem.Danach gab es natürlich eine ausgelassene Abschiedsparty.
Am Dienstag haben die Schüler, die dieses Jahr die Schule beenden gefeiert. Jeder trug eine Studentenmütze zur Festkleidung, und dann wurde auf LKW und Anhängern durch die Stadt fahrend gefeiert. Das sieht dann so aus:



Außerdem war gestern Nationalfeiertag. Trotz strömendem Regen liefen Leute in Blau und Gelb gekleidet durch die Stadt, eine Militärkapelle marschierte durch die Gegend und an jeder Ecke wurden einem Papierfähnchen angeboten. Das ganze hätte bei gutem Wetter vermutlich mehr Spaß gemacht...
So jetzt verlasse ich euch erstmal wieder,
Ich melde mich, wenn es wieder etwas spannendes zu berichten gibt.

Beste Grüße,
Ulfert

Donnerstag, 24. Mai 2012

Stork und ein Blutbad

Vor zwei Wochen hatten wir in Uppsala STudentORKester-Festivalen, STORK. 30 Bands aus dem ganzen Ostseeraum kamen und von Freitag bis Sonntag wurde Musik gemacht. Alle Niveaus, verschiedene Stile und das ganze auf mehreren Bühnen in der Stadt und in mehreren Nationen, mit einer Abschlussparade.
Natürlich waren wir auch dabei, haben den Laden mit ein bißchen Party-Musik aufgemischt.

Am Freitag habe ich mich zur Teilnahme (oder besser, Arbeit bei) einer Veranstaltung überreden lassen, die jährlich in Göteborgs Nation stattfindet: Blodbadet - das Blutbad. Traditionell gehen alle Teilnehmer zusammen zur Blutspende (ich durfte nicht, da ich keine schwedische Gesundheitsakte habe), danach gibt es ein ausgedehntes Abendessen. Wichtigster Bestandteil: blutiges Rindfleisch. Sämtlicher Erlös geht an einen guten Zweck, dieses Jahr eine schwedische Kinderschutzorganision; dasselbe gilt auch für den Erlös aus Tombola und Versteigerung. Versteigert wird alles, was jemand spendet. Außerdem wurde ich gleich mal auf die Liste jener gesetzt, die eine Dienstleistung anbieten. Was tut man nicht alles, wenn man mit einem bezaubernden Lächeln darum gebeten wird...Da ich aber weder Lust auf Hemden Bügeln noch auf putzen hatte, durften die Leute auf eine Saxophonstunde bieten. Der Sieger hat sich allerdings nie bei mir gemeldet. Nun ja, gezahlt hat er im Voraus gleich in die Charitykasse. Vielleicht kommts ja noch...
Ansonsten hat es sich herausgestellt, dass ich den Tag über viel gearbeitet habe, Moussaka kochen, servieren, was halt so anfällt.

Ansonsten geht das Semester - und meine Zeit hier - zuende. Noch ein Seminar morgen, dann eine Prüfung nächste Woche. Dann ists vorbei. Ich werde noch ein paar Tage hier bleiben, dann muss ich ausziehen. Die Zeit bis Mittsommer werde ich für eine Tour nach Göteborg und Kopenhagen nutzen, danach wird Mittsommer in Dalarna gefeiert. Aber dazu später mehr.

Nun scheint der Sommer auch mehr und mehr anzukommen. Wir hatten ein paar sonnige Tage mit warmen 20 Grad, also habe ich am Dienstag mit ein paar Freunden die Strandsaison am Mälar-See eröffnet.
Die Tage sind lang: um elf ist es noch hell genug, dass man bei klarem Himmel keinen Stern sieht, und falls man es bis drei Uhr noch nicht ins Bett geschafft hat, wird es auch gleich wieder hell.
Leider sind meine Jalousien nicht wirklich lichtdicht, so dass ich immer mal wieder früh morgen in Licht gebadet aufwache...

Aber das ist allemal besser als im Winter!

Samstag, 5. Mai 2012

rauchende Trümmer: Valborg

Der Mai ist gekommen. Der Frühling ist endlich da. Das wird hier natürlich ausgelassen gefeiert. Valborg (auf deutsch Walpurgis) wird am 30. April gefeiert. Man kann sich vorstellen, wie das läuft.
Traditionell werden im ganzen Land Maifeuer angezündet, riesige Scheiterhaufen, die dann ewig brennen, währende man sich darum versammelt, feiert und seines Lebens freut. Etwas anders ist das in Uppsala. Immerhin die älteste Studentenkultur des Landes.
Der Tag beginnt trotz der Feiern am Vorabend, dem 29. (Kvalborg - das ist im übrigen beliebig erweiterbar: der  28. heißt Skvalborg, der 27. Ovalborg)  mit einem Sektfrühstück im Park. Es ist an Valborg immer gutes Wetter, so wurde mir versichert, und dieses Jahr war es so. Erster Höhepunkt ist Forsränningen. Ein "Rennen" auf dem Fyris in selbstgebauten Booten (Bilder nur vom Bauplatz, da ich selber nicht dabei sein konnte. Ich musste früh mit meiner Band in der Nation sein, aufbauen, soundchecken, usw):






Es ist dabei nicht ungewöhnlich, dass einzelne Teilnehmer es nicht einmal bis ins Wasser schaffen, für die anderen endet die Reise in der Regel an der ersten Staustufe. Dort sind auch die meisten Rettungsschwimmer postiert.
Danach verteilt sich die Masse in der Stadt, man trinkt im Park, auf der Straße oder zu Hause, um rechtzeitig zum Silllunch (Sill = Hering) in Stimmung zu sein. Das sollte in einer der Nationen eingenommen werden. Ein traditionell studentischer Brauch ist Mösspåtagningen, das Schwenken der Studentenmützen, entstanden aus dem kollektiven Austauschen der Winter- gegen die Sommerkopfbedeckung.
Dann geht es schnell weiter, es beginnt in den meisten Nationen der Champagnergallopp. Das Rezept ist einfach, man schiebe möglichst viele Menschen auf das Gelände, drücke jedem eine Flasche Sekt in die Hand, und ab geht die Party. Der geringste Teil des Sektes wird getrunken, eher so wie wenn man unter der Dusche den Mund aufmacht. bei uns spielte dazu die Band, ich würde sagen das war das größte Publikum das ich bis jetzt hatte.
Spätestens um sechs ist dann jeder durchnässt, klebrig und warmgetanzt; danach geht man entweder zum kollektiven Grillen, macht eine Pause oder feiert sonstwo weiter.
Wir haben uns für die offizielle Zeremonie entschieden: am Schloss hält der Curator Curatorum eine Ansprache, die Gunillaglocke wird zum einzigen Mal im Jahr geläutet, und der älteste akademische Chor der Stadt singt. Im Hintergrund wehen die 13 Nationsfahnen vor dem Sonnenuntergang.
Danach fuhren wir hinaus nach Gamla Uppsala, zum besagten Maifeuer. Da waren dann anscheinend nur noch Einheimische, Familien und Jugendliche.
Und wie komme ich auf den Titel des Postes? Ganz einfach: hier in Flogsta gab es auch Parties, inklusive brennender Möbel und Fahrräder. Angeblich kam die Feuerwehr mit Polizeieskorte...
Den krönenden Abschluss stellte eine Gasque dar, der Majmiddag. Man sitzt bei strahlendem Sonnenschein von halb eins bis halb acht im Festsaal beim Diner. Manchem Gesicht sieht man die Anstrengungen der letzten Tage an, vielen wird die Zeit lang. In jeder Pause stürmt man nach draußen, genießt die Sonne...
So waren dann auch nicht mehr viele Zuschauer da, als wir hinterher ein ausgiebiges Jazz- und Tanzprogramm spielten. Aber was solls, ich hatte Spaß...

Freitag, 20. April 2012

Ostern



















So richtige Osterferien hatte ich ja nicht. Aber doch ein paar freie Tage, die ich natürlich nutzen wollte. Eigentlich hatte es ja nach Göteborg oder Gotland gehen sollen, aber das war leider schon ausgebucht. Aber zum Glück gibt es ja noch eine Alternative: Die Stadt Uppsala betreibt etwa 20 km außerhalb ein Naherholungsgebiet, Fjällnora. Einige Hütten und ein kleiner Hof umgeben von Seen und Wald. Dazu Wanderwege, Grillplätze und selbstverständlich die Sauna. Ist das nicht perfekt, um das anstrengende Großstadt-Studentenleben hinter sich zu lassen und einfach nur ein paar Tage zu entspannen?
Also, Leute überredet, zwei Hütten gebucht und los. So haben wir also ein paar Tage mit Wandern, grillen, saunieren und schlafen verbracht, das alles in einer kleinen roten Hütte mit Blick auf den See. Es war fast wie Sommer, nur in kalt...aber ein schöner Kurzurlaub.
Danach begann die Besuchssaison: Als erstes der Besuch der Eltern; meinen Geburtstag haben wir in Uppsala verbracht, uns die lokalen Sehenswürdigkeiten angeschaut und einen schönen Tag verbracht. Außerdem habe ich es dann tatsächlich mal ins  Stockholmer Stadthaus, in die Oper und ins Fotografiska Museet geschafft. Gleich im Anschluss kam dann der nächste Besuch aus Deutschland. wer will sonst noch vorbeikommen?
Jetzt schaue ich gerade aus dem Fenster und ärgere mich über den Schnee, der schon wieder fällt; kalt, wässrig und hässlich. Außerdem spielt irgendjemand im nächsten Stockwerk wieder viel zu laut schlechte Popmusik. Na toll.
Jetzt muss ich leider gleich wieder los, mein Fahrrad aus der Reparatur holen. Es ist ein Opfer der Unfähigkeit vieler Menschen hier geworden, Fahrradwege, Fußwege und Autospuren auseinanderzuhalten, diese in richtiger Richtunge zu befahren und ihr Verkehrsumfeld warzunehmen. Ja, ich bin schnell gefahren, und nein, es war nicht meine Schuld dass wir aufeinandergeprallt sind...aber immerhin ist niemand verletzt worden.
Heute abend geht es dann auf ein internationales "Potluck" in meiner Nation, also jeder bringt ein Gericht aus seinem Land und dann wird getauscht. Daher: Käsespätzle machen.

Man sieht sich,
Ulfert

Montag, 2. April 2012

ein neuer Monat

Hallo zusammen,
ja, ich lebe noch. Es war viel los im letzten Monat, nicht für alles ist hier Platz, aber ein bißchen erzählen kann ich doch. Nein, ich werde mich nicht allzu sehr über das Wetter auslassen (es war - und ist - apriltypisch, innerhalb von Stunden wechselt es von sommerlich warm zu Schneesturm).
Ich habe wieder mehrere Auftritte gespielt, in der Nation genauso wie in einem Jazzclub hier in Uppsala, hatte Besuch aus Deutschland, habe gefeiert und auch studiert. Einen weiteren Kurs habe ich erfolgreich abgeschlossen, und einen neuen begonnen, diesmal geht es um vergleichende Rechtsgeschichte. Ist bis jetzt ganz spannend.

Ein Highlight war sicherlich der traditionelle "Wintersport"-Wettbewerb zwischen 3 Nationen. Eis-Kunstlauf auf einer halbgefrorenen Wiese, Sackhüpfen auf einer gefrorenen Böschung, Luftmatratzen-Rodeln (sie wurden eingeölt, weil nicht genug Schnee lag) und Tauziehen. Klingt gefährlich, ist es auch. Verletzt hat sich aber keiner, und alle hatten riesig viel Spaß.





Der Schnee war übrigens ein paar Tage später komplett weggeschmolzen, in den letzten Tage fällt aber immer wieder etwas nach. Halten kann es sich zum Glück nicht.
Einen der schönen warmen Tage (es ist schon wieder zwei Wochen her, wo ist die Zeit hin?) habe ich für eine Tagestour nach Västerås genutzt. Das ist die sechstgrößte Stadt Schwedens. Man war seinerzeit groß im Erzhandel, und man sieht es noch am großen Dom, dem alten Kirchviertel mit seinen niedlichen kleinen und bunten Hütten, dem Schloss und dem beeindruckenden Rathaus. Trotzdem ist es aus meiner sicht eine entspannte Kleinstadt, auf jeden Fall einen Abstecher wert.












Der "verrückte König" Erik XIV, war der Sohn Gustav Wasas. Seinen Bruder Johann ließ er in Gripsholm inhaftieren, litt unter Verfolgungswahn und ließ verschiedene Mitglieder der Adelsfamilie Sture hinrichten. Seine Bemühungen als Heerführer waren nur vorübergehend von Erfolg gekrönt. Sein größter Fehler war jedoch, seinen Bruder wieder freizulassen, der ihn dann nämlich im Gegenzug absetzte und inhaftierte und vermutlich vergiftete.
Jedoch wurde der Mann wohl zu Lebzeiten unterschätzt. Der Sarkophag geriet zu kurz, sodass die Beine des Königs a.D. abgetrennt und getrennt verwahrt werden mussten...


Ein typischer Zaun im örtlichen Freilichtmuseum

und was ein richtiges Dorf ist hat natürlich auch seinen Mittsommer-Pfahl


Wer sich übrigens für einen Blick auf schwedische Sprache, Kultur und Eigenheiten aus der Sicht eines Außenstehenden interessiert, dem lege ich den neuseeländischen Comedian Al Pitcher ans Herz. Letzten Mittwoch waren wir mit 15 internationalen Studenten meiner Nation in seiner Show im Södra Teater in Stockholm. Und was soll ich sagen, der Mann hat recht.

Gibts noch Fragen?
Ansonsten verabschiede ich mich für heute. Eine Vorlesung wartet.